Hermann Hesse und Thomas Mann

Zusammenfassung des Beitrags von Dr. Martin Pfeifer (Hanau) beim 2. Internationalen Hermann-Hesse-Kolloquium „Hermann Hesse und seine literarischen Zeitgenossen“ am 14. Mai 1982 in Calw:

„Vor Jahren, bei meinem ersten Zusammentreffen mit Thomas Mann, als ich ihm von meiner Liebe zu gewissen seiner Dichtungen sprach, sagte er ein Wort, das mir haften blieb. Er sagte 'Das ist schön, daß es im Geistigen anders ist als im Physischen: im Geistigen gibt es eigentlich keine unglückliche Liebe'." 1) Woran sich Hesse hier erinnerte, war jene von dem gemeinsamen Verleger Samuel Fischer arrangierte erste Begegnung zwischen beiden Dichtern im April 1904. Als Hesse dies niederschrieb - das war gut dreißig Jahre später -, hatte sich das Verhältnis zwischen beiden Dichtern gewandelt und gefestigt.
 
Zwar traf er mit dieser Reminiszenz die wesentliche Triebkraft ihrer Beziehung zueinander, doch sollte man die Münchner Begegnung in ihrer Bedeutung nicht überschätzen. Hesse hatte in den damaligen Apriltagen auch Ricarda Huch aufgesucht. „Ich habe in den letzten Jahren nichts mit so viel Freude, Genuß und Ehrerbietung gelesen wie Ihre Schriften." 2) Das steht in einem Brief an sie und nicht an Thomas Mann.
 
Aufmerksame Zuwendung auch zu dessen Dichtungen hatte Hesse bereits im Dezember 1903, also noch vor der Begegnung unter Beweis gestellt, als er für die "Neue Zürcher Zeitung" Thomas Manns Novellenband "Tristan" rezensierte und das Buch zum Delikatesten zählte, das nach seiner Meinung das zu Ende gehende Jahr geboten hatte. Er schätzte aber nur gewisse Dichtungen seines Kollegen; die Novelle "Luischen", so meinte er, ließe ihn dauernd unbefriedigt. Und als er 1910 die "Königliche Hoheit" ganz ausführlich besprach, konnte er es nicht unterlassen, "die paar" ihn "störenden Sonderbarkeiten" an diesem Roman ausdrücklich zu erwähnen. Aber während er hier Thomas Mann "Irrtümer und Geschmacklosigkeiten" 3) vorwerfen zu müssen glaubte, gelang ihm gleichsam unter der Hand eine Charakterisierung dieses Künstlers in schaftsichtiger und präziser Diktion, wie sie nur noch von jener späten Zeichnung des Freundes in der Gestalt des Thomas von der Trave übertroffen wird.
 
Und Thomas Mann machte seine Erkenntnis, dass es im Geistigen eigentlich keine unglückliche Liebe gebe, sogleich zum Tenor seiner brieflichen Entgegnung auf Hesses Rezension, auch wenn er dessen scharfsinnigen Beobachtungen nicht zuzustimmen vermochte.
 
1904 freilich, bei jener ersten und im Übrigen recht kurzen Vorstellungsbegegnung, war die Entwicklung einer engen, auf persönlicher Wertschätzung beruhenden Freundschaft noch nicht vorauszusehen. Beide Dichter hatten damals als Neulinge erhebliches Aufsehen erregt: Thomas Mann mit seinen ersten Novellen und vor allem mit den "Buddenbrooks", Hermann Hesse mit Gedichten und Erzählungen und eben gerade mit dem "Peter Camenzind". Auch wenn Thomas Mann diese Dichtungen Hesses seinerzeit wohl nicht gelesen hatte, ist doch verständlich, dass jeder von beiden den Kollegen persönlich kennenlernen wollte. Neugier, meinetwegen literarische Neugier, mehr jedenfalls war jene Münchner Begegnung wirklich nicht.
 
Auch die erwähnte Rezension Hesses von 1910 und die Reaktion Thomas Manns blieben ohne wesentliche Folgen. Selbst als Hesse sich 1916, im Dienst der Kriegsgefangenenfürsorge tätig, mit einem persönlichen Brief und wohl auch mit einem seiner vervielfältigten offenen Briefe an Thomas Mann wandte und ihn um Geld und Bücher für die Gefangenen bat, reagierte Thomas Mann so höflich wie kühl, indem er darauf verwies, dass er eben erst einem hungernden Kollegen einen Geldschein gesandt habe, jedoch gern die Werbeschrift weiterreichen und Fischer um Freiexemplare seiner Bücher bitten werde. Thomas Mann musste mit seiner Antwort dennoch selber nicht zufrieden gewesen sein; man merkt ihm tatsächlich die innere Erleichterung an, als er wenige Tage später Hesse melden konnte: „Ich habe einem Verwandten 50 M für Ihre Sache abgeknöpft …“4)
 
So distanziert ihr Verhältnis zueinander erscheint und sich in ihrem äußeren Verhalten auch zeigte, so aufmerksam, ja mit geradezu innerer Anteilnahme verfolgte jeder die literarische Produktion des anderen. Bei Hesse lässt sich das leicht in seinen Buchbesprechungen nachlesen, bei Mann an seinen höchst anerkennenden Worten über den "Demian" und dann später über Narziß und Goldmund". Dass die Anzahl solcher Äußerungen über das Werk des anderen nicht adäquat ist, liegt einfach daran, dass Mann als Rezensent kaum, Hesse hingegen mit einer erstaunlichen Vielzahl von Buchbesprechungen an die Öffentlichkeit getreten ist.
 
Derart intensive Anteilnahme schafft Kontakt. Man traf sich wieder, als sich Hesse im November 1925 auf seiner Nürnberger Reise in München aufhielt und an einem Abend Thomas Mann besuchte. Man begegnete sich während eines Winterurlaubs in den ersten Wochen des Jahres 1931 im Hotel Chantarella bei St. Moritz, sprach über Hesses Gründe für seinen am 10. November des Vorjahres erfolgten Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste. Monate später kommt es darüber zu einem bedeutsamen Briefwechsel zwischen beiden. Thomas Mann, dieser, wie Hesse damals schrieb, "so verehrte und geliebte Mann"5), hatte die Einladung zum Wiedereintritt in die Akademie an Hesse herangetragen, und Hesse hatte abgelehnt.
 
Dies und eine erneute Wiederbegegnung in der Chantarella im Februar 1932 bereiten den Boden für ein Zusammentreffen ganz anderer Art, zustande gekommen, ja erzwungen dadurch, dass Thomas Mann von einer Vortragsreise, die ihn nach Amsterdam, Brüssel und Paris geführt hatte, nicht mehr nach Deutschland zurückkehren konnte. In den letzten Märztagen des Jahres 1933 und noch einige Male im April war er Gast bei Hesse in Montagnola. Mitte März hatte Thomas Mann noch „auf Bayern gerechnet und erwartet, daß dank der Stärke der katholischen Volkspartei dort jedenfalls alles so ziemlich beim Alten bleiben werde"; er hoffte noch, wie es in diesem Brief an Lavinia Mazzucchetti weiter heißt, „daß in Bayern zuerst und schon in absehbarer Zeit eine Art von Rechtssicherheit, eine leidlich gutartige Lebensform sich herstellt, sodaß ich mit den Meinen zurückkehren kann“6).
 
Die Wandlung solcher Fehleinschätzung begann mit dieser Wiederbegegnung 1933. Erkennbar wird sie schon in einem Brief, den Mann noch im April aus Lugano an Hesse geschrieben hat: „Sie haben mich in der Vermutung bestärkt, die allmählich in mir dämmert, daß etwas, was als schwerer Choc und Schrecken begann, mir am Ende noch zum reinen Gewinn werden kann. Den Anfang hat es gleich damit gemacht, daß es mich Ihnen persönlich brachte."7)

In dieser Begegnung entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis, das bis zu Thomas Manns Tod bestehenblieb. Diese Begegnung brachte aber auch einen entscheidenden Wandel in Manns politischen Anschauungen und eine beachtliche Erweiterung seiner politischen Einsichten. Nach literarischer, persönlich aber sehr flüchtigen Bekanntschaft erwuchs ihnen in diesen Märztagen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zur Basis einer sich vertiefenden Freundschaft wurde. Nicht persönliche Wünsche oder gar taktische Überlegungen hatten diesen Prozess ausgelöst; er war vielmehr durch die politische Situation herbeigeführt worden, die Hesse längst begriffen hatte, die aber Thomas Mann völlig überraschen musste. Noch im Dezember 1932 hatte er in einem Brief an Hesse gemeint: „Wir sind aber, glaube ich, über den Berg. Der Gipfel des Wahnsinns scheint überschritten ..."8) In die neue Situation nach Hitlers Machtantritt musste Thomas Mann sich erst hineinfinden.

Wer hätte das besser sehen, wer hätte da besser helfen können als Hermann Hesse, dessen politisches Erwachen im ersten Weltkrieg begonnen hatte und dessen politische Reife wir in zwei vorzüglich edierten Bänden verfolgen können. Etwa Mitte März 1933 schrieb er an Rudolf Jakob Humm: "Th(omas) Mann ist mir befreundet, und die wenigen Male, wo er mit mir auf Soziales zu sprechen kam, stand er, bei aller intellektuellen Billigung des Sozialismus, mit dem Herzen so unendlich viel weiter rechts als ich, war in seinem gepflegten feinen Wesen so unangegriffen vom klaffenden Riß in der Welt, daß es mich schauderte, denn ich habe ihn aus andern Gründen sehr gern." 9)
 
Viel Liebe ist damals Thomas Mann in Montagnola entgegengeschlagen. Dazu kam Hesses Verständnis für Thomas Manns Erleben des Abschiednehmenmüssens von Begriffen und Dingen, die er „sehr geliebt und lang mit dem eigenen Blut genährt hat", und die behutsame Wegweisung „ins Europäische aus dem Deutschen und ins Überzeitliche aus dem Aktuellen"10).
 
Das hat Thomas Mann ebenso wenig zum politischen Schriftsteller gemacht, wie Hesse je einer gewesen ist. Aber die weiterschauende, im persönlichen Verhalten gewissere Haltung Hesses gab Thomas Mann den Halt, dessen er in diesen ersten Monaten des Exils bedurfte. 1945 erinnerte er sich in einem Brief an Walter von Molo: „Beneidet habe ich Hermann Hesse, in dessen Umgebung ich während jener ersten Wochen und Monate Trost und Stärkung fand - ihn beneidet, weil er längst frei war, sich beizeiten abgelöst hatte ..."11)
 
Nach diesen Begegnungen von 1933 hat sich sichtbar eigentlich nichts verändert; was geschehen war, wurde erst viel später deutlich, nachdem von beiden Briefe und autobiographische Schriften publiziert vorlagen. Und da zeigte es sich, dass nicht nur ihre briefliche Beziehung lebhafter, sondern dass ihre persönliche Vertrautheit miteinander enger geworden war.
 
Dennoch wurde für die Charakterisierung der Beziehungen beider Dichter zueinander bislang oft nur gesehen, was zwar auf jeden von ihnen zutraf, was aber in der Tat nicht die Basis bildete, auf der sich die "coincidentia oppositorum"12) - auf die Hesse in seiner Gratulation zum 80. Geburtstag Thomas Manns anspielte -, auf der sich ein jedem Intellektualismus abholdes, von der Erkenntnis der geistigen und seelischen Größe des anderen getragenes Zusammengehörigkeitsbewusstsein entwickelt hat.
 
Gewiss, Zeitgenossenschaft bringt unweigerlich das Erleben derselben Ereignisse und das Angebot gleicher Chancen zur Auseinandersetzung mit sich. Thomas Mann war 1875 geboren, Hermann Hesse 1877; sie gehören also derselben Generation an. Beide hatten das ancien regime des wilhelminischen Deutschlands kennengelernt, den ersten Weltkrieg erlebt und die Gründung der Republik begrüßt. Die Herrschaft und den Niedergang des Nationalsozialismus erlebten beide außerhalb seiner Grenzen, und die Entwicklung Nachkriegsdeutschlands verfolgten beide mit starker innerer Anteilnahme, obwohl sie - Hesse seit 1924 auf eigenen Wunsch, Mann seit 1934 zwangsweise - ihrem Bürgerrecht nach keine Deutschen mehr waren.
 
Neben diesen historischen wurden auch noch andere Parallelen angeführt: Beide Dichter stammen aus dem Bürgertum, Hesse aus einer Missionarsfamilie, Mann aus einem Kaufmanns- und Handelshause. Sie sind beide freie Schriftsteller geworden; beide wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Beide starben in der Schweiz und sind dort begraben.
 
Auch Unterschiede wurden genannt: Thomas Mann ist Norddeutscher, ihn hat seine Vaterstadt Lübeck geprägt, und dieses Lübeck als "geistige Lebensform" drückt sich auch in seinen Werken aus, von den "Buddenbrooks" bis zum "Doktor Faustus". Hinter ihm steht der Norden, steht Fontane, steht die französische und russische Literatur des 19. Jahrhunderts.
 
Hesse ist Schwabe und bringt eine große Tradition mit: Hölderlin, Mörike und viele andere. Er ist Süddeutscher und blieb zeit seines Lebens dem Süden verbunden, so dass ihm das Tessin zu einer zweiten Heimat werden konnte.
 
Aber weder Zeitgenossenschaft noch Herkunft und Entwicklung, obwohl sie gewiss ihr eigenes Gewicht haben, treffen den Kern der Beziehung zwischen diesen beiden Menschen. Dafür ist auch nicht der literarische Rang, die Repräsentativkraft, die beide für die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts besitzen, das entscheidende Kriterium.
 
Wenn es um literarische Beziehungen ginge und Einflüsse oder, Abhängigkeiten kompositorischer und erzähltechnischer, motivlicher und sprachlicher Art aufgedeckt und dargestellt werden sollten, müssten eher die Namen anderer Dichter genannt werden. Es ließe sich, nur um das, was hier gemeint ist, anzudeuten, für Hesse etwa Wilhelm von Scholz anführen und dessen kleine Erzählung "Die fremde Nähe", in der sich erstaunliche Parallelen zum späteren Mutterbild in Hesses "Narziß und Goldmund" und zum noch späteren Motto des "Glasperlenspiels" finden.
 
Trotz mancher augenfälligen Ähnlichkeiten waren Mann und Hesse im Grunde genommen sogar völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Thomas Mann verstand zu repräsentieren, seine honorige Erscheinung war Höhepunkt geist- und würdevoller kultureller Festlichkeiten; Ehrungen und Auszeichnungen wusste er in erwarteter Weise standzuhalten. Anders Hesse, der, wie er einmal vor seinem 50. Geburtstag an den Bürgermeister der Stadt Konstanz schrieb, Ehrungen seiner Person „nicht annehmen kann" und sich „ihnen gegenüber passiv und schweigend verhalten muß"13), der zum Empfang des Goethepreises nicht nach Frankfurt und wegen der Verleihung des Nobelpreises nicht nach Stockholm kam und der zur Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels seine Frau nach Frankfurt schickte.
 
Als er den Nobelpreis bekam, war ihm das, wie er damals an Ludwig Finckh schrieb, eigentlich nur deshalb recht, weil er „einige Dutzend Leute bei Euch durchfüttern" musste. „Insofern ... war der Nobelpreis willkommen, der mir sonst nichts bedeutet." 14) So eingeschätzt hatte er diese Ehrung allerdings nicht immer; im Stillen hatte er den Nobelpreis längst erwartet, seit er 1933 und dann noch einige Male von Thomas Mann dafür vorgeschlagen worden war.
 
Die Betonung solcher Unterschiede im persönlichen Verhalten wie in politischen Ansichten hat mitunter dazu geführt, beide Dichter gegeneinander auszuspielen oder, um den einen zu loben, den anderen herabzusetzen. Weder Hesse noch Mann haben solches Verhalten bei ihren Lesern unwidersprochen gelassen. „Ich bin betrübt darüber", schrieb Hesse 1947 an Dr. P. E. - das ist mein verstorbener Dresdner Hessefreund Paul Eichler -, "daß auch Sie, wie Hunderte meiner Leser und Korrespondenten, nicht Hesse schätzen können, ohne Thomas Mann dafür herabzusetzen. Ich habe für das gar keinen Sinn. Wenn Ihnen Gott die Gabe verlieh, Hesse zu verstehen, Mann aber nicht, wenn Ihnen das Organ fehlt, diese entzückende und höchst einmalige Erscheinung im Raum der deutschen Sprache erfassen und einordnen zu können, so geht mich das nichts an. Aber daß ich, der ich nicht nur ein alter und treuer Bewunderer von Thomas Mann bin, beständig dazu herhalten soll, gegen Mann ausgespielt zu werden, ist mir höchst widerlich." 15)
 
Und als ich mich 1951 bei Thomas Mann für den so enthusiastischen wie wenig rücksichtsvollen und deshalb von Hesse abgewiesenen Erich Weiß, den Initiator und Betreiber des in seinen Leistungen erstaunlichen Westdeutschen Hermann Hesse-Archivs, einsetzte, antwortete er mir: „Hermann Hesse, mit dem ich eben in Montagnola viel freundschaftlich zusammen war, ist ein alter, oft schwer leidender Mann, den man nehmen und lieben muß, wie er ist, indem man sich nach dem Satze verhält: 'Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?"'16)
 
Freundschaft, Liebe: damit war Thomas Mann seinem Kollegen aufrichtig zugetan. Dazu kam die für ihn bestürzende Erkenntnis ihrer geistigen Verwandtschaft. So konnte er nach der Lektüre des "Glasperlenspiels" von dieser Prosa sagen, sie stehe ihm so nahe, „als wär's ein Stück von mir". In seinem Buch über "Die Entstehung des Doktor Faustus" berichtet er: „Des Ganzen nun ansichtig, war ich fast erschrocken über seine Verwandtschaft mit dem, was mich so dringlich beschäftigte. Dieselbe Idee der fingierten Biographie mit den Einschlägen von Parodie, die diese Form mit sich bringt. Dieselbe Verbindung mit der Musik. Kultur- und Epochenkritik ebenfalls, wenn auch mehr träumerische Kultur-Utopie und -Philosopie, als kritischer Leidensausbruch und Feststellung unserer Tragödie. Von Ähnlichkeit blieb genug, - bestürzend viel, und der Tagebuch Vermerk: 'Erinnert zu werden, daß man nicht allein auf der Welt, immer unangenehm' - gibt diese Seite meiner Empfindungen unverblümt wieder." 17)
 
Nicht also gegenseitiges literarisches Anregen, Hineinwirken in den Schaffensprozess des andern, wie es etwa bei den beiden Großen von Weimar der Fall war, ist hier festzustellen, vielmehr blieben beide bei aller so scharfsichtigen wie liebevollen Beobachtung des Schaffensprozesses des anderen in ihrem gegenseitigen Verhältnis - das Sie in der Anrede, dass sie bis zum Schluss beibehielten, ist nur ein äußeres Zeichen dafür - zwei Meister der distanzierten Courtoisie.
 
Aber mehr als das! Sie verstanden einander, ja sie fühlten sich miteinander einverstanden, ohne dass dies mit Worten zum Ausdruck kommen musste. Auf die Frage, „was Thomas Mann bei unsren letzten Zusammenkünften an Gedanken über die Weltlage und Zukunft geäußert habe", bemerkte Hesse in seinem "Rundbrief an einige Freunde in Schwaben" vom Sommer 1950: „Er hat ... hierüber vollkommen geschwiegen und war merklich mit dem privaten und verantwortungslosen Charakter unsres Zusammenseins zufrieden." 18)
 
Liebe, Ehrfurcht und Opferwilligkeit für die Dichtung: das ist es, was Hesse an Thomas Mann schätzte. Es sind dieselben Werte, die Thomas Mann auch öffentlich an der Haltung und am Schaffen Hesses würdigte, so dass er zu dem Schluss kam, dass sie beide irgendwie „doch Weggenossen und Brüder - oder confrères"19) sind. Thomas Mann sah ihr gegenseitiges Verhältnis auch gern im Bild der Begegnung des „Joseph Knecht mit dem Benediktinerpater Jakobus im 'Glasperlenspiel', wo es denn ohne das 'Höflichkeits-und Geduldspiel endloser Verneigungen wie bei der Begrüßung zwischen zwei Heiligen oder zwei Kirchenfürsten' nicht abgeht - ein halb ironisches Zeremoniell chinesischen Geschmacks, das Knecht sehr liebt, und von dem er bemerkt, daß auch der Magister ludi Thomas von der Trave es meisterlich beherrscht habe"20).
 
In der Gestalt des Thomas von der Trave zeichnete Hermann Hesse im "Glasperlenspiel" ein Bild Thomas Manns, dessen Geburtsort Lübeck bekanntlich an der Trave liegt. Es ist trotz der Chiffrensprache eine Meisterleistung literarhistorischer Charakterisierungskunst:
 

„Glasperlenspielmeister war damals Thomas von der Trave", heißt es im Kapitel "Studienjahre", "ein berühmter, weitgereister und weltgewandter Mann, konziliant und vom artigsten Entgegenkommen gegen jedermann, der sich ihm näherte, in den Spielangelegenheiten aber von wachsamster und asketischer Strenge, ein großer Arbeiter, was jene nicht ahnten, die ihn nur von der repräsentativen Seite kannten, etwa im Festornat als Leiter der großen Spiele oder beim Empfang von Abordnungen aus dem Auslande. Man sagte ihm nach, er sei ein kühler, ja kalter Verstandesmensch, der zum Musischen nur in einem Höflichkeitsverhältnis stehe, und unter den jungen und enthusiastischen Liebhabern des Glasperlenspiels hörte man gelegentlich eher absprechende Urteile über ihn - Fehlurteile, denn wenn er kein Enthusiast war und es in den großen öffentlichen Spielen eher vermied, große und erregende Themen anzurühren, so zeigen seine glänzend aufgebauten, formal unübertrefflichen Spiele doch für die Kenner eine nahe Vertrautheit mit den hintergründigen Problemen der Spielwelt." 21)
 
Als ich im Sommer 1956, von Hesse und seiner Frau eingeladen, ihn im Hotel Waldhaus in Sils Maria besuchte, zeigte er mir, wo Manns noch im Jahr zuvor zu Tisch gesessen hatten, und beim Rotwein erzählte er einiges von dem, was Thomas Mann damals an Erinnerungen zum besten gegeben hatte. Die Gelegenheit schien günstig, einen von mir gehegten und von Erich Neumann, dem Leiter des Thomas Mann Archivs der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin kurz vorher noch einmal verstärkten Wunsch zu äußern, er möge doch - nach dem 1954 veröffentlichten Briefwechsel mit Romain Rolland - nun auch den mit Thomas Mann zur Veröffentlichung freigeben. Hesse winkte damals ab, und auf mein späteres briefliches Nachsetzen bekam ich von Frau Ninon eine ausgesprochen energische Absage.
 
Erst zwölf Jahre später - Hesse war tot, und seine Frau war auch gestorben - konnte Anni Carlsson den Briefwechsel edieren. Volker Michels hat ihn 1975 in erweiterter Form vorgelegt. Er erschien manchem flüchtigen Betrachter freundlich nichtssagend; dem um tiefere menschlichen Beziehungen Wissenden aber ist er beredtes Zeugnis einer gewachsenen Brüderschaft im Geiste.
 
Anmerkungen

1: Hermann Hesse, Gesammelte Briefe. (Fortan zitiert als GB mit Angabe des Bandes und der Seitenzahl.) Zweiter Band 1922-1935. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 473-474.

2: GB 1 (1973), 118.

3: Hermann Hesse - Thomas Mann, Briefwechsel. Erweiterte Ausgabe (Fortan zitiert als HM.) Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1975, S. 7 10.

4: HM 13.

5: GB 2, 302.

6: Thomas Mann, Briefe 1889-1936. Frankfurt a.M.: S. Fischer 1961, S. 328 329.

7: HM 36.

8: HM 31.

9: Hermann Hesse, R. J. Humm, Briefwechsel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977, S. 19.

10: HM 34.

11: Thomas Mann, Briefe 1937-1947. Frankfurt a.M.: S. Fischer 1963, S. 441.

12: HM 252.

13 :GB 2, 181.

14: Hermann Hesse, Politik des Gewissens. Die politischen Schriften 1933-1962. Zweiter Band. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981, S. 782. (Suhrkamp Taschenbuch, 656.)

15: Hermann Hesse, Ausgewählte Briefe. Erweiterte Ausgabe (Fortan zitiert als AB.) Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1974, S. 241. (Suhrkamp Taschenbuch, 211.)

16: Brief an Martin Pfeifer. Zürich, Waldhaus Dolder den 18. IX. 51. Bisher unveröffentlicht.

17: Thomas Mann, Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines Romans. Amsterdam: Bermann Fischer Verlag 1949, S. 68.

18: AB 344.

19: HM 181.

20: Ebenda.

21: Hermann Hesse, Gesammelte Werke. Neunter Band. Das Glasperlenspiel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970, S. 147. (Werkausgabe Edition Suhrkamp.)