Hermann Hesse - seine Bedeutung für Jugend und Schule

Zusammenfassung des Beitrags von Dr. Martin Pfeifer (Hanau) beim 1. Internationalen Hermann-Hesse-Kolloquium „Hermann Hesse heute“ am 13. Mai 1977 in Calw:


Nirgends anders als gerade in Calw, der Geburtsstadt unseres Dichters, lässt sich diese Thematik anschaulicher darstellen. Hier hat sich abgespielt, was geradezu als exemplarisches Beispiel für die Hesse-Rezeption in deutschen Schulen gelten kann: Das hat seinen Grund.
So problematisch wie einst Hesses Beziehungen zur Schule waren, so problematisch gestalteten sich die Beziehungen zwischen Schule und Dichter. Dass dies ganz deutlich hier in Calw sichtbar wurde, dafür ein einziges Beispiel: die Auseinandersetzung um die Namensgebung für das Calwer Gymnasium, das aus der ehemaligen Latein- und Realschule hervorgegangen ist, in die Hesse, vom Knabenhaus der Basler Mission kommend, am 6. Juli 1886 eingetreten ist und die er bis zum 30. Januar 1890 besucht hat.
Sicherlich ist die Zahl derer nicht klein, die diese Calwer Schule besuchten und die für Calw und weit über Calw hinaus Bedeutung erlangt haben. Andererseits gibt es aber wohl keinen, der wie Hesse seiner Geburtsstadt ein so liebevolles Denkmal gesetzt, in einen Werk von erstaunlichem Umfang seiner Heimatstadt - der schönsten von allen, die er kenne - einen nicht weniger erstaunlich großen Raum geschenkt hat. Und weil darüber hinaus Schule und Erziehung, Bildung und Persönlichkeitsentfaltung vom Frühwerk bis hin zum "Glasperlenspiel" Motive und Themen liefern, weil er sich zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt hat, war es nicht verwunderlich, dass der Gedanke auftauchte, dieser Calwer Schule seinen Namen zu geben.
1955 griff ein Schüler der damaligen Oberschule für Jungen diesen Gedanken auf und äußerte ihn in einem Beitrag der Schülerzeitung "Hohlspiegel". Die Klasse, der dieser Schüler angehörte, schrieb an Hesse, bat ihn um Zustimmung und erhielt sie auch. Aber weder die Schulleitung noch die Stadtverwaltung und der Gemeinderat konnten sich diesen Gedanken zu Eigen machen. Hesse sei schließlich alles andere als ein Musterschüler gewesen!
Es dauerte noch zwölf Jahre, bis man sich anlässlich der Einweihung des Erweiterungsbaues dieser Schule im Calwer Gemeinderat einstimmig für Hesse als Namenspatron entschied. Der neuerliche Vorschlag soll von einem Stadtrat gekommen sein, der seinerzeit Klassenlehrer jener Hesse freundlichen Schüler war. Diese oft hitzig geführte Calwer Auseinandersetzung um Hesse war aber im Grunde gar keine Lokalstreitigkeit, sondern weit mehr: Ausdruck dessen nämlich, was sich zwar verdeckter, aber allerorten an deutschen Schulen oder, besser gesagt, im Deutschunterricht abspielte, angefangen bei ministerieller Bildungskonzeption bis hin zu den Lehrern und Schülern und deren Eltern.
In den Bildungsplänen der Bundesländer, die 1957 veröffentlicht wurden, war Hesse nur eine Randerscheinung. Nicht im verbindlichen Teil des Lektürekanons wurden seine Werke erwähnt, sondern im fakultativen. Die Bildungspläne für Hessen   und sie stehen stellvertretend für die der anderen Bundesländer nennen für das 9. oder 10. Schuljahr "In der alten Sonne", für die Unter- und Oberprima - man beachte die Reihenfolge! - "Das Glasperlenspiel", "Demian" und "Knulp".
Die Folgen dieses höchst eigenartigen Kulturdirigismus sind offenkundig. In der von Dietrich Wolf und Dorothea Klotz 1967, also zehn Jahre später, im Frankfurter Hirschgraben-Verlag herausgegebenen Sammlung von 3000 Aufsatzthemen bezog sich nicht einmal ein Prozent auf Hesses Werk. Neun Themen galten dem "Glasperlenspiel" und waren durchweg Verständnisfragen, 16 galten der Erzählung "In der alten Sonne", zwei weitere stellten Aussprüche von Hesse zur Diskussion. Das im Jahr zuvor von Walter Degel und Michael Pflaum herausgegebene Buch mit 3000 anderen Aufsatzthemen (Ehrenwirth Verlag München) enthielt ganze zwei Hesse-Themen!

1965 hat Robert Ulshöfer eine verdienstvolle Dokumentation über die "Themen der Reifeprüfungsaufsätze 1958-1964" in der Bundesrepublik und in Berlin zusammengestellt. Ganze acht Hesse-Themen tauchten darin auf: zwei Gedichtinterpretationen, eine Briefanalyse und vier Aussprüche Hesses als Aufhänger für einen Besinnungsaufsatz, einer davon muss gar als Vehikel für einen Aufsatz über mittelhochdeutsche Dichtung herhalten. Hofmannswaldau, Claudius, Eichendorff, Rilke, Carossa, Weinheber und Benn, auch Goethe, Schiller, Grillparzer und Brecht und natürlich Kafka und Borchert, die bevorzugten Autoren damals in der Schule, sind weitaus stärker vertreten. Ein einziges Thema, 1963 in Hamburg gestellt, ließ einen gesellschaftlich politischen Aspekt erkennen ("Vergleichen Sie das Verhältnis des Künstlers zum Leben und zur Gesellschaft in Thomas Manns 'Tonio Kröger' und Hermann Hesses 'Klingsors letzter Sommer' ").

Nicht viel anders sah es - und sieht es noch immer - in den Schul-Literaturgeschichten aus. Die meisten gehen nur summarisch und klischeehaft auf Hesse ein, dass man sich ernsthaft fragen muss, welche Wirkung die Autoren bei den Lehrern und Schülern erreichen wollen. Zwei Proben: In dem Buch von Hoffmann und Rösch "Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur. Eine geschichtliche Darstellung" (Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main), 1966, heißt es: Hesse "hat sich mit seiner Stimmungslyrik und seinen Erzählungen von ungebundenem Vagabundentum einer großen Lesergemeinde ins Herz geschrieben. Er war ein künstlerisch sorgloser Fabulierer." Und in der "Deutschen Literaturgeschichte" (Buchners Verlag Bamberg, 13. Aufl.) von Krell und Fiedler aus dem Jahr 1968: "Nach Lehr- und Wanderjahren zog er sich 1912 in die farbensatte Landschaft des Schweizer Tessins zurück, wo er in der Abgeschiedenheit zwischen Blumen und Bildern bis zu seinem Tode lebte."
Ähnliches wiederholt sich bei den Lesebüchern. Von wenigen, immer wieder nachgedruckten Gedichten und epischen Passagen abgesehen, war kaum ein Angebot für den Unterricht vorhanden. Damit war die Schule gleichsam zum Partner oder gar Wegbereiter der die Kulturszene prägenden Literaten und Journalisten geworden, die seit 1957 versuchten, Hesse nicht bloß als Gartenlaubenpoeten abzustempeln, sondern ihn der Lächerlichkeit preiszugeben, falls überhaupt noch über ihn gesprochen werden musste.
Hier vollzog sich, wie Heinz Stolte bemerkte, "eines der empörendsten Schauspiele in unserer literarischen Welt des letzten Jahrzehnts". Mitleidsvoll wurde belächelt, wer sich noch ernsthaft mit Hesse beschäftigte. Die Saat arroganter Verachtung ging auf.
Als dann in den USA in den sechziger Jahren überraschend jene gewaltige Wirkung Hesses einsetzte, die man in der ganzen Welt zur Kenntnis nahm, konnte man diesen sich in Millionenauflagen ausdrückende Phänomen nicht lange als ein Missverständnis herunterspielen. Die Gründe, die in Amerika genannt wurden - die gewaltige, durch den Vietnamkrieg brutal verschärfte amerikanische Krise, die Hippiebewegung, die qualitativ besseren Übersetzungen -, konnten für eine Hesse-Rezeption in Deutschland sicherlich kaum zutreffen. Aber selbst das war für die öffentliche Literaturkritik unerheblich: "Wir waren uns doch einig, dass Hesse eigentlich ein Irrtum war", schrieb noch 1972 ein namhafter deutscher Literaturkritiker (Curt Hohoff).
Ein Fehlurteil, das weiß jeder. Die Bewältigung solcher Fehlurteile aber fällt heute noch denen schwer, die sie einst lauthals verkündeten. Schüler freilich berührt das kaum. Es ist eine Tatsache, dass wie zu Beginn der sechziger Jahre in Amerika ein Jahrzehnt später auch in Deutschland die Begeisterung für Hesse von der Jugend ausging. Wenn seine Dichtungen von ihr und auch in der Schule gelesen wurden, dann lag das in der Regel weder an den Lehrern, noch hatten Bildungepläne, Rahmenrichtlinien, Lesebücher, Literaturgeschichten für die Schule oder fachpädagogische Zeitschriften diese Bewegung ausgelöst. Auch der 1973 in der Zeitschrift "Diskussion Deutsch" abgedruckte ausführliche Bericht über eine ideologiekritische Untersuchung des "Steppenwolf" im Deutsch- und Gesellschaftskundeunterricht der Klassen 12 und 13 war keine Innovation, sondern bestenfalls feinfühliger Ausdruck der aufdämmernden Rezeptionswelle in Deutschland. Schüler und Studenten lasen von sich aus Hesse; im Unterricht und in Seminaren wollten sie diese Lektüre zur Diskussion stellen.

Exakte Angaben, in welchem Umfang Werke Hesses in den Unterricht einbezogen wurden, lassen sich nicht machen. Dazu müssten, was unmöglich ist, sämtliche Klassenbücher und Kursberichte durchgesehen werden. Umfragen haben erbracht, dass die Hesse-Lektüre an den gymnasialen Oberstufen in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat; und von allen Büchern Hesses dürfte es ohne Zweifel der "Steppenwolf" sein, der am häufigsten gelesen und besprochen wird.
Siegfried Unseld nannte einmal vier Gründe für die sich in Deutschland ausbreitende und sich in bislang unvorstellbaren Verkaufszahlen widerspiegelnde Hesse-Rezeption: das fernöstlich-anthropologische Element in seinem Werk, seine Sprache, seine Revolte gegen Repression und schließlich den im Werk dargestellten Prozess der Individuation.
Damit ist in der Tat getroffen, was Schüler immer wieder, wenn auch in anderer und oft nicht so prägnanter Diktion artikulieren, wenn man sie fragt, warum sie Hesse lesen. Was Unseld das fernöstlich-anthropologische Element nennt, das freilich bereitet den meisten Schwierigkeiten, weil es ihnen an wissens- und erkenntnismäßigen Voraussetzungen für die vielfältigen, einem Glasperlenspiel verwandten geistigen Assoziationen in Hesses Werk fehlt: Kultur und Bildung des Abendlandes, Indiens und des Fernen Ostens, die integrierter Bestandteil des Hesseschen Oeuvre sind.
Die Welle der Begeisterung, jenes faszinierende Phänomen, das in Deutschland gerade mit dem hundertsten Geburtstag des Dichters zusammenfällt, mag abebben. Der Vergessenheit, wie es Vorwitzige prophezeiten, wird sein Werk nicht anheimfallen.

"An kleinen Anzeichen", so hat Stefan Zweig schon 1923 erkannt, "spürte man zuerst, daß dieser Mensch nicht in sich, in seinem Erfolg ruhte, daß er immer etwas Wesentlicheres wollte." Damit zeigt sich Hesses Werk nicht bloß als ein in höchstem Maße autobiographisches; indem es vielmehr sublimiertes Abbild der Grundmuster seines Verhaltens im Leben ist, indem es uns erkennen lässt, wie Hesse bisherige Lebensstufen zu überschreiten gewillt, zu Aufbruch und Vorstoß ins Neue, Wesentlichere bereit war, wurde sein Werk zu einem erregenden Beispiel wahrhaftiger Emanzipation. Hier liegt die Wurzel seiner Bedeutung und seiner Wirkung.